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Notizen zu Salongespräch #1

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Stichworte aus der Veranstaltung vom 21.4.2026 aus dem Wohnprojekt Wien

Herzlich willkommen zu unserem neuen Dialogformat, diesmal mit Heinz Feldmann (Wohnprojekt Wien) und Ute Wagner (Sargfabrik). Beide waren wesentlich bei bei der Entstehung zweier bahnbrechender Projekte in Wien beteiligt. Wir hoffen auf spannende Erfahrungsberichte und hilfreiche Einsichten. Der Salon am Park bietet den perfekten Rahmen dafür.

Erich Kolenaty, Initiative Gemeinsam Bauen & Wohnen

Moderiert von Barbara Nothegger


# Motivation für die Gründung

Ute: Es war der Zeitgeist. Atomkraft wurde hinterfragt, man war anti-Krieg, anti-Kapitalismus, man wollte „Frieden schaffen ohne Waffen“. Im Prinzip wollten sie sinnvoll leben. Reichtum durch teilen.
Es gab einige Wohnprojekte (Maria Lanzendorf, Hamburg, …). Dort haben sie sich Ideen geholt. Und: Es war eine Generation, die sich was getraut hat. Die Politiker waren frustriert. Nur Johnny Winter war damals recht radikal und hat gefragt: „Wo steht das?“

Heinz: Mit Anfang 40 ist er um die Welt gefahren. Er wollte das erleben, was als Junger unleistbar war. Sein Lebensinhalt: Ein „neoliberaler Yuppi“ mit viel Geld sein.
Auf der Weltreise hat er gemerkt, dass er zwar eine schöne Eigentumswohnung hatte, aber trotzdem unzufrieden war. Er wollte seinen persönlichen Fußabdruck reduzieren, aber sich nicht einschränken müssen. Mit der Idee in Gemeinschaft zu leben, kam er nach Österreich zurück.

Am Beginn stand ein Interessent:innen-treffen. Geübt wurde das Reden mit Redestab – daraus ist die Kerngruppe für das Wohnprojekt Wien entstanden.
Ein bisschen später hat er mit Helmut Schatter (?) (cooler Typ a la Sean Connery) gesprochen und er durfte in der religiös geprägten Gemeinschaft einziehen. Dort konnte er schon erleben „was geht“ und „was nicht“.
Auch die Sargfabrik war eine wesentliche Motivation: Besonders die riesige Dachterrasse.

Anm. Simon: Bei einer kurzen Recherche nach Helmut Schatter (?) habe ich zwar die Persona nicht gefunden, dafür eine interessante Diplomarbeit über Gemeinschaftliches Wohnen in Vorarlberg. 😊

Barbara fragt Ute nach der langen Planungsphase von 10 Jahren.
Ute: Nicht die Planung, sondern die Hürden.
– 87 Vereinsgründung
– 89 Kauf
Alte Fabrik Stück für Stück ausbauen war zäh.
Statt Wien hat unterstützt (§69).
Es ging bis zum Verwaltungsgericht – wo diverse Verfahren abgewickelt wurden.
In der Zeit konnte man die Planung schärfen.
Die Umwidmung selbst dauerte 1 Jahr.

Barbara fragt, wie die Gruppe das ausgehalten hat.
Ute: Es gab 30+ Leute, und da gab‘ es schon Fluktuation.
Aber die Gruppe selbst war einfach attraktiv:
Architekt, Finanzler, Steuerberater, Bauträger in spe, … waren dabei.
Da gab’s viel Fachwissen und „attraktive“, leistungsfähige Menschen, die anpacken.

Heinz war erstmal allein und hat mit 2 Freundinnen einfach mal die Kunst des Einladens angewandt. Die Gründer:innen Gruppe hat im Rahmen eines Vision-Workshops Feuer gefangen. Für manche Dinge war die Zeit einfach reif.

In der Sargfabrik wurde ursprünglich auch Konsens angestrebt, dann wurde aber die „Querulantenklausel“ eingeführt („kann damit leben“).
Arbeitsgruppen gab’s auch. Die Kriterien einer AG: Einer der brennt, einer der Fachwissen hat, jemand der kritisch ist, …
Soziakratie wird immer aus der perspektive der Zielsetzung gemacht.
Cooles Zitat von Ute: Wohnprojekt = permanentes antizipieren von Zukunft.
Ich kann meinen Widerstand, mein Tempo etc anpassen.
Heute ist die Gründung eines WP um vieles leichter, weil man sehen kann, was funktioniert und was nicht. Man kennt die Werkzeuge. Aber das Zusammenraufen von Gruppen, der Umgang mit dem inneren Schweinehund – das ist schwer geblieben.

Gab’s schlaflose Nächte?

Heinz: Ja in mehreren Phasen: Grundstück kriegen, Baugenehmigung, Finanzierung. Ganz am Schluss in der Zielgeraden ging die Baufirma pleite.
Heinz hatte phasenweise deutlich mehr als 11h / Monat aufgewandt. Es is wichtig, dass sich einzelne nicht ausbrennen.
Pomali (?) und Auenweide haben Leute einfach zeitweise angestellt. Das hält er für eine gute Lösung, damit einzelne nicht ausbrennen.

Sargfabrik hatte auch Leute im Budget der Baunebenkosten angestellt.
Die Sargfabrik hatte keinen Bauträger, sondern musste für die ‚Kontinuität‘ selbst sorgen. In der Bauphase wurden Leute gezahlt, sind dann aber schnell wieder auf Ehrenamt umgestiegen. Es gibt bei ihnen keine Verpflichtung zu Arbeit. Normalerweise findet sich schon jemand, der intrinsisch motiviert ist, etwas zu machen. Und es sind sicher einige Karrieren daraus entstanden.
Man lernt sehr viel in einem Wohnprojekt. U.a.: Die Verbindlichkeit muss man immer wieder prüfen. Am Ende muss es auch ohne viel Ehrenamt laufen. Alles selber machen ist sehr anstrengend. Der Gruppe tuts auch nicht gut, wenn jemand ausbrennt.

Wie schafft man es eine Gruppe über 10 oder 30 Jahre zusammenzuhalten?

Heinz: Nach dem Einzug waren sie völlig erschöpft, aber auch glücklich. Die Allgemeinflächen sollten im ersten Quartal selbst geputzt werden. Das war völlig überfordernd. Sie haben jemanden angestellt. Die Gangflächen sind stockwerkweise durch die MB geputzt, der Rest ist bezahlt.
Als Berater hält er die Gruppen davon ab, gleich beim Anzug alles fertig haben zu wollen (Sauna, Kinderfläche, …)
Dieser Ehrgeiz war viel zu viel.
Die Ansprüche an die Gemeinschaft (emotional etc) waren zT auch zu hoch.

Ute: Zukunftscheck muss immer wieder gemacht werden (wo wollen wir hin).
Grund- und Eigenmittel (Einlagen) sollten wertangepasst zurückgegeben werden. Der/die soll nur dann drinbleiben wenn alles passt. Wir gingen davon aus, dass sich die Gehälter genau so entwickeln wie der Finanzmarkt. Aber dann haben sie bemerkt, dass die Schere zwischen Wertsicherung und Gehalt auseinanderklafft. Demnach wurde das Projekt aber immer unzugänglicher. Aber sie wollten ja leistbares Wohnen und eine gute Durchmischung. Sie mussten gegensteuern. Die Verträge waren aber bewusst gut abgesichert, da sie nicht wollten, dass sie irgendwie privatisiert werden. Nachjustieren war aber deshalb schwierig. Der neue interne Vertrag brauchte 95% Zustimmung – was bei über 100 Menschen verdammt schwierig ist. Insbesondere wenns um Wertsicherung ihres Anteils geht. Der Prozess hat Jahre gedauert. Mit viel Geduld hatte er ein positives Ende. Wenn man gut genug zusammengeschweißt ist, dann schafft man das.

Ein Wohnprojekt ist eine never-ending story, fragt Barbara die Ute?

Generationenwechsel war ein Thema – sie wollten immer gut durchmischt sein. Groß klein, dick dünn, jung alt, … Wenn wir immer durchmischt sein müssen, müssen wir Junge nachbesetzen. Alt werden wir automatisch. Fokus bei Neuaufnahmen auf Junge – das heißt aber nicht dass die gut dazupassen.
Und man muss auch dranbleiben. Weil es gibt immer Gegenwind und Situationen die.
In der Sargfabrik bewerben sich viele Junge. Der Kindergarten ist am Ende seines Lebenszyklus. Er war privat, es gab‘ nicht so viele Kinder, teuer, … Aber die Kinder von BewohnerInnen wollen dann auch einziehen. Dann hat man einige Großfamilien dort wohnen – ist das gscheit für’s System? Diese Frage beschäftigt grad Ute und die Sargfabrik.
Gibt es eine Art Erbrecht für Wohnraum?
Wie hinterlassen wir die Welt.

Was würdet ihr anders machen?

Heinz:
Keine 40 Einfamilienwohnhäuser mehr (= mehr Standardisierung)
Nicht beim Einzug alles fertig haben wollen (Sauna, Kinderraum, …)

Ute:
Nicht alles selber machen wollen
Kooperationen mit Bauträgern sehr sinnvoll
Baugeschäft ist viel Risikoreicher geworden.
Finanzierung ist viel Risikoreicher geworden.
Möglichkeit, Verträge auch ändern zu können
Quadratmeterbeschränkung pro Person (jmd stirbt und 1 Person bleibt in großer Wohnung zurück).
Schweizer erlauben nur eine gewisse Zeit Unterbelegung.
Inhaltliche Wertabsicherung.
Auch eine Abzinsung in den Vertrag reingeben, weil ein Gebäude wird alt.
Zielsetzung für Instandhaltung: Wir planen für die Zukunft und fahren den Karren nicht an die Wand um im JETZT einzusparen. Rechtliche Situation muss passen und die Werte(verteilung) müssen klar sein.

Ute: Durchschnittsalter steigt. Beim Einstieg war die Hälfte der Menschen um die 30. Die jungen sind 50. Es gibt befristete Verträge und sie erhalten sich dadurch Flexibilität. Projekte müssen darüber nachdenken. Wenn man wirklich ein Mehrgenerationen-Projekt sein will muss man das durchhalten – sonst wird man ein kollektives Altersheim.
Ein Projekt: „Wohnen ohne Alterslimit“ ist ein tolles Projekt was sich speziell mit Altersfragen beschäftigt.

Frage: Einer der ersten Schritte als Gründer:in ist die Vernetzung mit Gleichgesinnten. Welchen Dunstkreis würdet ihr empfehlen?
Ute: Raus aus der Blase. Podcasts. Initiative gemeinsam bauen und wohnen. Schauen wie man aus der Blase kommt. In die Breite gehen. Über den Nutzen nachdenken. Einfach altruistisch zu sein ist nicht genug. Was ist mein persönlicher Nutzen. Über das Nachsinnen kann man viele Menschen ansprechen.
Heinz: Eine Vision darf eine klare Kante haben. Wofür steht das Projekt und wofür steht’s nicht. Nicht alle aus einer religionsgemeinschaft

Heinz: Man wird sich komische Leute „einfangen“ – das muss man aushalten. Die Struktur muss aber damit umgehen können. Komische Leute fernhalten geht nicht.

Reifes Projekt ist: zielorientierte Konsententscheidung und den Ausführenden großen Handlungsspielraum geben.
Reumann Gutmann: 1/3 brennt, 1/3 zeitweise aktivierbar, 1/3 Mitschwimmer. Lass sie mitschwimmen. Wenn sie gezwungen werden, dann blockieren sie.

Sargfabrik feiert ihr 30-Jähriges bestehen.
Bitte schaut auf die Homepage.
Wirklich wichtiges Event: Im Nordbahnsaal/Hauswirtschaft geht’s um die radikale Hoffnung.