Ich schreibe mir heraus, was ich als besonders wissenswert und relevant für das WGW (oder neue Baugruppen allgemein) empfinde. Bitte kauf das Buch, mein Exzerpt ersetzt das Buch in keiner Weise.
Träumen
- Auf Seite 76 schreibt N. über den Organisationsentwickler John Croft und seine Dragon-Dreaming-Methode, die bei vielen Gemeinschafts-Initiativen eingesetzt wird. Die Grundaussage ist: Menschen setzen sich nur dann ganz für ein Projekt ein, wenn sie sich damit identifizieren können. Es muss ein gemeinsamer Traum sein.
- Auf Seite 78 wird Charles Vogel zitiert: In seinem Buch The Art of Communityaffiliate beschreibt er sieben Prinzipien, die den Kern einer erfolgreichen Gemeinschaft ausmachen.
- Auf derselben Seite wird auch wieder die bekannte Wohnprojektpionierin Diana Leafe Christian genannt. Sie spricht von einem „Gemeinschaftskit“, was so viel heißt wie „Freude am Zusammensein“. Es muss auch gemeinsam Party gemacht werden – und nicht nur Excel-Sheets und Diskurse produziert werden. Grillen, chillen, wandern, Party machen, abhängen, alles das soll nicht untergehen.
Reden
- Auf Seite 84 schreibt Nothegger über den Film der Sargfabrik in Wien Penzing von Alexander Dworschak, Michael Rieper, Christine Schmauszer. Ich habe den Film leider nicht zum Download gefunden. Er soll wohl hauptsächlich die Kultur im Wohnprojekt des Jahres 2013 darstellen.
- Auf Seite 86 wird darauf Bezug genommen, dass mit in der Sargfabrik mit Basisdemokratie gestartet wurde (vollständige Übereinstimmung) – durch die Anzahl an notwendigen Entscheidungen sich das als äußerst ineffizient und unpraktikabel herausstellte. Eine Baugruppe solle zu Beginn hauptsächlich eine gute Organisations- und Kommunikationskultur etablieren, weil sich diese im Nachhinein nicht mehr wirklich verändern lässt. Entscheidungsfreudigkeit soll mit der Freude am gemeinsamen Schaffen groß geschrieben sein.
- Auf Seite 87 wird die Gemeinschaftsexpertin Eva Stützel genannt. Ihr Buch namens Gemeinschaftskompassaffiliate behandelt die Art, wie man Teamtreffen gestalten kann, Entscheidungen strukturiert und Arbeit untereinander aufteilt. Ein entscheidendes Kriterium für den Erhalt einer Gmeinschaft ist, ob Konflikte nachhaltig gelöst werden oder nicht.
- Auf Seite 88 wird Dr. Gernot Tscherteu, Gründer vom realitylab und Mitinitiator vom Gemeinschaftshaus Seestern in der Seestadt Apern erwähnt. Die Organisationsform soll laut Tscherteu früh festgelegt werden. Im Fall vom Wohnprojekt Wien wurde die Soziokratie gewählt. Statt Konsens gibt es Konsent – im Prinzip heißt das einfach, dass etwas entschieden ist, wenn es keinen signifikanten Widerstand mehr gibt. Das Modell der modernen Soziokratie wird zunehmend populär. In den Niederlanden soll es an die 100 Unternehmen geben, die das Modell oder Elemente daraus adaptierten.
Im Wohnprojekt Wien gibt oder gab es acht soziokratisch organisierte Arbeitsgruppen: Finanzen, Recht, Architektur, Freiraum, Gemeinschaft, Öffentlichkeit, Nachhaltigkeit, Organisation und Solidarität. Die meisten Entscheidungen fallen in der AG, weitreichendere Beschlüsse werden in die Großgruppe getragen. Teil des Konzepts der Soziokratie ist die doppelte Koppelung: jeder Arbeitskreis hat einen Leiter und einen Delegierten. Diese Personen gehören dem jeweils nächsthöheren Kreis an und sorgt für den Informationsfluss. Im Wohnprojekt Wien gibt es den Leitungskreis. - Auf Seite 90 meint Barbara Strauch dazu: „Die Soziokratie eignet sich zur Beschlussfassung, für die Gemeinschaftsbildung braucht es aber andere Formen. Das Gemeinschaftsleben soll sich nicht ausschließlich in den Arbeitsgruppen abspielen“.
- Auf Seite 91 wird weiter ausgeführt: Jedes Treffen wird im Vorfeld im Detail vorbereitet. Vorab gibt es eine Agenda mit dem notwendigen Kontext, damit in den Treffen schnell entschieden werden kann. Zu Beginn des Treffens gibt es eine Eröffnungsrunde, in der alle Teilnehmer Persönliches berichten können (wie der Check-In in unserer Glaubensgemeinschaft☺️), ansonsten verfällt man in privates Geschwätz zu Lasten der produktiven Zeit.
Bevor es ans eingemachte geht, wird die Agenda vorgestellt: inbesondere wie viel Zeit ein Thema beanspruchen soll, welche Themen am Tisch liegen und welche Entscheidungen gefällt werden müssen. Gefällt mir. - Auf Seite 92 wird das Modell der Soziakratie noch etwas vertieft: in einem soziziokratischen Kreis gibt es immer einen Moderator. Die Moderator:in entscheidet nicht mit. Und des Öfteren gibt es auch einfach eine Rede-Runde, in der jeder Teilnehmer seine Meinung sagen kann, während andere zuhören, ohne zu unterbrechen. Jede Meinung gilt gleich viel.
Es ist zwar zeitaufwändig, aber die Teilnehmer gewinnen daraus neue Erkenntnisse und die kollektive Meinung wird daraus gebildet. Nach einer Meinungsrunde kann durchaus auch eine Zweite anschließen, weil sich die Ansichten typischerweise in Runde 1 geändert haben.
Planen
- Auf Seite 95 wird Susanne Hofmann, Gründerin vom Architekturbüro Baupiloten genannt. Ihr Buch „Partizipation macht Architektur“ beschreibt wie Architekten mit den Gründerinnen beim Planungsprozess zusammenwirken können. Markus Zilker von einszueins hat ein Stufenmodell der Partizipation entwickelt, die unterschiedliche Beteiligungsformen veranschaulicht. Im Prinzip sind es unterschiedliche Grade an Verbindlichkeiten.
- Seite 98: Das Haus ‚D‘ im Areal Hobelwerk der Schweizer Baugenossenschaft ist aus Holz und verwendet gebrauchte Bauteile (Stichwort reuse). Nicht so relevant, aber architektonisch spannendes Objekt!
- Auf Seite 99 wird beschrieben, wie die Wohnungsvergabe im Wohnprojekt Wien abgelaufen ist. Das ist ein sensibles und konfliktbehaftetes Thema, wo der Gemeinschaftsgedanke schnell aufhört. Es geht dann doch um das private Domizil und Hauptsache man residiert schön.
- Man kann preislich staffeln (schöner = teurer) – das ist aber sozial nicht gerecht
- Man kann jenen, die mehr investiert haben, Schöneres zusprechen – fördert auch nicht unbedingt das Gleichgewicht
- das Tool, welches Wohnprojekt Wien hier genutzt hat, ist systemisches konsensieren. Man bildet ein System von „Widerstandspunkten“, welches die Vergabekriterien ableitet.
- Seite 103: Paar Fakten zu Wohnungsgrößen. Nach einer Studie vom Umweltbundesamt in Berlin sollten es
- 50m² für einen 1-Person Haushalt,
- 60m² für einen 2-Personen Haushalt,
- 75m² für einen 3-Personen Haushalt und
- 85m² für einen 4-Personen Haushalt sein.
Das Wohnjekt Kalkbreite in Zürich ist im Übrigen eines der meist beachteten Projekte in Sachen Nachhaltigkeit.
- Auf Seite 105 wird umschrieben, dass das Architekturbüro einszueins beim Wohnprojekt Wien sehr viel Flexibilität bei der individuellen Wohnungsgestaltung zugelassen hat, bei nachfolgenden Projekten aber mehr standardisiert hat – aus dem einfachen Grund, dass zu viel Individualität ein tauschen von Wohnungen innerhalb des Gebäudes oder Fluktuation generell erschwert wird.
Bauen
- Ab Seite 106 wird der Bauprozess beschrieben. Nothegger erzählt, dass der Druck auf die Baugruppe in der Zeit deutlich höher war. Es gab‘ Wochen, in denen bis zu fünf Treffen angesetzt waren. Von den Türklinken bis zu den Pflanzen im Garten wollte alles entschieden werden.
Nothegger beschreibt die Arbeitsatmosphäre aber als positiv und, meistens kam man motivierter raus als rein. - Auf Seite 112 besonders interessant:
Es gibt spezialisierte Beratungsfirmen, welche einer Baugruppe in der Schnittstelle zwischen der Gruppe und dem Planungsbüro bzw. dem Bauträger Arbeit abnehmen. Lars Straeter, Gründer von Bruppenberater Conplan in Lübeck sagt: dass das besonders in jenen Bereichen wichtig ist, wo die Mitglieder der Baugruppe fachlich nicht qualifziert sind. - Das Wohnprojekt Wien hat beispielsweise früh die größte Verantwortung für das Haus ausgelagert: den Bauvorgang.
Es gab einen Kooperationsvertrag mit dem Bauträger Schwarzatal. In diesem Fall war es sogar eine Voraussetzung der Stadt Wien, um überhaupt das Grundstück zu bekommen. Das ist zwar nicht mehr so, aber trotzdem arbeiten Baugemeinschaften sinnvollerweise mit dem Bauträger zusammen, weil dieser viele Risiken übernimmt.
Der Bauträger ist während der Bauzeit der Bauherr und Eigentümer. Das bedeutet gleichzeitig, dass das Unternehmen das Interesse verfolgt, dass das Bauprojekt verwertbar bleibt und die Kosten nicht explodieren. Der Bauträger übernimmt wichtige Abschnitte im Prozess, zum Beispiel Verhandlungen mit dem Generalunternehmer und der Vergabe von Aufträgen an Firmen. Der Bauträger finanziert das Bauprojekt und garantiert auch einen gewissen Kosten- und Zeitrahmen.
Im Vorvertrag zwischen Wohnprojekt Wien und Schwarzatal gab es die Vereinbarung, dass das Gebäude nach den Vorstellungen der Baugruppe errichtet wird und nach Fertigstellung für eine bestimmte Summe übernommen werden konnte.
Für diese Sicherheit tritt man aber natürlich auch rund 5-10 % der Baukosten als Prämie ab. Und obwohl der Bauträger dazwischen steht, gibt es noch immer sehr, sehr viel zu tun. - Auf Seite 113 wird das Möckerniez in Berlin Kreuzberg als Negativbeispiel genannt. Das Projekt scheiterte fast an der Inkompetenz der Gründer. Außerdem wurde ohne Finanzierungszusage das Riesenprojekt (100 Millionen) beauftragt. Das Projekt wurde von zwei fähigen Personen gerettet, aber zu ganz anderen Konditionen wie damals erträumt.
- Auf Seite 114 wird noch einmal darauf hingewiesen, dass große Immobilienentwicklungen ohne Generalunternehmer bzw. Bauträger eigentlich fahrlässig sind, wenn die Baugruppe nicht erfahrene Immobilien- und Bauwesenexperten sind.